• 21|09|2010

    Wie die « Gëlle Fra » eine jahrelang verpasste Kulturpolitik vergessen machen soll!

    Dieser Tage hagelt es Leserbriefe von aufgebrachten Zeitgenossen in den Redaktionen der Tageszeitungen und in diversen Internetforen. Zu Recht. Sie alle drehen sich um das gleiche Thema: die prunkvolle und überteuerte Ausstellung der Gëlle Fra in Niederkerschen. Wer kann den Schreibern ihren Unmut verdenken, wird ihnen doch seit Monaten von der CSV und ihrem Präsidenten Michel Wolter eingetrichtert, die Bürger sollten ihren Riemen enger schnallen, die Staatsfinanzen seien aus dem Lot, Steuererhöhungen eine Notwendigkeit, Sparen sei angebracht und „unnötige" Ausgaben wie das Kindergeld oder die Kilometerpauschale gehörten ohnehin gekürzt...!

     

    Auch die Einwohner der beschaulichen Gemeinde Bascharage können ein Lied von Einschnitten in soziale Dienstleistungen singen, wie die einseitig vom Bürgermeister beschlossene Aufgabe des Nachbarschaftsdienstes (CIGL) „Passe-Partout" oder die substanziellen Taxenerhöhungen, die es erst möglich machten, einen ausgeglichenen Gemeindehaushalt aufzustellen.

     

    Keiner hierzulande schreit lauter, wenn es darum geht, Sozialleistungen zu kürzen oder den Lohnindex abzuschaffen, als eben CSV-Präsident und Bürgermeister Michel Wolter. Wer diese Maßnahmen in Frage stellt, wird als dämlich oder verantwortungslos dargestellt, denn nur die CSV kann die komplizierten Wirtschaftsdaten richtig deuten und die sagen uns: Sparen, sparen, sparen!

     

    Die Leserbriefeschreiber bringt es daher auf die Palme, wenn dieselben Sparapostel sich aus den Kassen von Staat und Gemeinde bedienen, um ihren eigenen Zwecke zu dienen. Böswillige Zungen behaupten gar, Michel Wolter, der seinen Vorgänger und Parteikollegen aus dem Bürgermeisteramt schasste, inszeniere dieses Spektakel nur zur Befriedigung seines eigenen Egos oder in der Hoffnung, das ganze Theater würde ihm und seiner CSV bei den anstehenden Gemeindewahlen helfen ...

     

    Ich möchte mich nicht an diesen Spekulationen beteiligen, erkenne jedoch in der prunkvollen Ausstellung der „Gëlle Fra" in Niederkerschen den erbärmlichen Versuch, die nicht-existierende Kulturpolitik der letzten 10 Jahre vergessen zu machen.

     

    Das letzte größere kulturelle Ereignis in der Gemeinde Bascharage war - ironischerweise - eine Ausstellung im Jahr 2000 über Claus Cito und dessen Lebenswerk. Seither beschränkt sich die Kulturpolitik der Gemeinde Bascharage auf die Auszahlung von Vereinssubsidien. Glücklicherweise gibt es noch die hochwertigen Konzerte der lokalen Gesangs- und Musikvereine sowie die hervorragende Musikschule, ansonsten wäre Bascharage kulturell wohl komplett ausgetrocknet.

     

    Bereits im Jahr 2000, als die Koalition aus CSV, DP und Grünen die Geschäfte übernahm, wurden die Wähler mit dem Versprechen geködert, endlich ein angemessenes Kulturzentrum für die Gemeinde Bascharage und ihre vielen kulturschaffenden Vereine und Einwohner zu erhalten. Im Jahre 2004 wurde ein Architektenbüro mit dem Bau eines Kulturzentrums, das den schönen Namen „La Pléiade" tragen sollte doch nie gebaut wurde, für fast 11 Millionen Euro beauftragt. Heute findet man im Gemeindehaus anscheinend weder die Pläne, noch die von den Vereinen damals eingereichten Ideen und Vorstellungen zu diesem Projekt, wieder. Als im Jahre 2005 die neue Schule eingeweiht wurde, sprach der damalige Bürgermeister noch vom neuen Kulturzentrum, das dieses Areal bald vervollständigen sollte. Heute, fünf Jahre später, steht immer noch vor den Schulgebäuden „Op Aker" (nicht „Acker" wie es fälschlicherweise von der Gemeinde genannt wird) in großen Buchstaben geschrieben: „Schoul, Sport a Kultur", obwohl der Bau eines Kulturzentrums in weite Ferne gerückt ist.

     

    Auch eine öffentliche Bibliothek sucht man in Bascharage vergebens: Zwischen all den Sporthallen (zusätzlich zu zwei Infrastrukturen für Tischtennis, vier Fußballfeldern, gönnt die Gemeinde sich gerade eine 4. Sporthalle für die beiden einzigen Hallensportvereine, Handball und Basketball) findet man anscheinend keinen Platz mehr für derartige „Nebensächlichkeiten"...

     

    Immer wieder betonte der neue Bürgermeister Michel Wolter, Bascharage brauche kein eigenes Kulturzentrum, dieses solle höchstens auf regionaler Basis mit den Gemeinden Petingen und Differdingen geplant werden. Dabei vergisst er, dass seine Amtskollegen aus den Nachbargemeinden, ihre Hausaufgaben bereits seit langem gemacht haben und ihre Gemeinden beachtliche Infrastrukturen für die Kultur bereitstellen. Und ob die beiden anderen Gemeindeväter, Interesse an einer regionalen Kulturstätte in Bascharage haben, wage ich zu bezweifeln.

     

    Auch die Fusion mit Küntzig wird hier nicht viel ändern, da auch in Clemency und in Fingig die Vereine auf adäquate Räumlichkeiten warten. Natürlich war das Kulturzentrum auch Gegenstand bei den Fusionsverhandlungen, doch die Fürbitter in Sachen Kultur wurden von den Majoritätsparteien abgespeist mit der wundersamen Idee des Bürgermeisters, in beiden Sektionen je ein „Treff" einzurichten ... Dass es ihm am Ende doch nicht so ernst gemeint war mit dem „Käerjenger Treff" und dem „Kéinziger Treff", erkennt man schon daran, dass beide „Treffs" erst auf der 2. Prioritätenliste der Fusionsinvestitionen stehen. Diese Projekte sollen nur dann verwirklicht werden „falls es uns die finanzielle Situation der Gemeinde noch erlauben sollte".

     

    Und so lange muss die Harmonie Municipale Bascharage immer noch in die Hallen eines wohlwollenden Busunternehmens ausweichen, um ihre erstklassigen Galakonzerte zu spielen. So lange werden die Theaterzuschauer in der spärlichen Hall 75 kalte Füße bekommen, wenn sie im Winter einer Vorstellung beiwohnen und so lange werden die Hobbymaler und  -künstler ihre Werke im Treppenhaus der Sporthalle ausstellen müssen. Dieses Jahr musste auch die Musikgesellschaft aus Oberkerschen ihr 100jähriges Bestehen im städtischen Konservatorium respektive in einem angemieteten Festzelt feiern.

     

    Anstatt in eine langfristige und nachhaltige Kulturpolitik zu investieren, wird auf populäre und nationalistische Ressentiments gesetzt und versucht mit Events à la „Gëlle Fra" die Defizite der Gemeinde in Sachen Kultur zu vertuschen. Den Einwohnern soll damit das Gefühl vermittelt werden, dass ihre Gemeinde einmal, wenn auch nur für ein paar Tage, zum kulturellen Nabel des Großherzogtums wird. Dabei ist der Bau eines Kulturzentrums mit einer öffentlichen Bibliothek, mit Proberäumen für die Musik- und Theatergesellschaften gekoppelt an die Musikschule, die dieses Kulturzentrum auch tagsüber beleben könnten, längst überfällig.

     

    Die Helfer bei diesem kostspieleigen doch vergänglichen Spektakel kommen nicht aus den Reihen der kulturinteressierten Mitbürger und Mitbürgerinnen, auch nicht aus der für diese Zwecke eigentlich vorgesehen Kulturkommission, sondern aus der eigenen Partei: Kulturministerin Modert spendiert in Krisenzeiten 100.000 Euro, das Luxemburger Wort wird zum Medienpartner der Veranstaltung und eine befreundete Beraterfirma verdient sich mit Werbeaufträgen und Broschüren eine goldene Nase.

     

    Der Zweck heiligt die Mittel, auch in Bascharage. Geschröpft und getäuscht werden am Ende die Bürger und Steuerzahler...

     

    Yves Cruchten

    Gemeinderatsmitglied